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Thema des Tages
Ausgegeben vom Deutschen Wetterdienst. Neueste Meldung oben
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Wissenschaft Kompakt
Die Schneefallgrenze
In den vergangenen Tagen war sie zwar nicht mehr ganz so häufig in
den Medien, aber im äußersten Norden wird von ihr weiterhin
gesprochen und im Rest des Landes wird sie in den kommenden Tagen
wieder ein Thema werden. Die Rede ist von der Schneefallgrenze. Wie
man sie bestimmen kann und welchen Einfluss verschiedene
meteorologische Parameter hierauf haben, ist heute Thema des Tages.
Dass es manchmal wirklich schwer fällt, die Schneefallgrenze und
damit die Art des Niederschlages an einem Ort zu bestimmen, wurde
beispielsweise am vergangenen Dienstag, den 03.02.2026 deutlich, als
etwa über Hessen deutlich mehr Schnee fiel, als zunächst erwartet
worden war, da man eher von Regen ausging.
Prinzipiell gibt es zunächst die einfache Faustformel, dass Schnee
bis ca. 200, manchmal auch knapp 300 m unter die sogenannte
Nullgradgrenze fällt, bevor er schmilzt und zu Regen wird. Diese
Methodik wurde empirisch bestimmt und erweist sich daher in der
Praxis nicht immer als hilfreich, da die Schneefallgrenze nicht
selten tiefer liegt, als es die zuvor berechnete Nullgradgrenze
verlauten lässt.
Das Ganze lässt sich aber auch rein physikalisch in der Theorie
ziemlich gut berechnen. Hierbei muss man wissen, dass für den
Schmelzprozess, genauer gesagt den Phasenübergang von Schnee zu
Regen, Energie in Form von Wärme benötigt wird. Diese Schmelzwärme
beträgt beim Wasser ziemlich genau 335 J/g und ist die mindestens
benötigte Energie. Sie besagt, dass 335 J aufgewendet werden müssen,
um 1 g Wasser von der festen (Eis) in die flüssige Phase (Wasser) zu
überführen.
Diese Energie ist jedoch nicht einfach "da", sondern sie wird der
Umgebungsluft entzogen, weshalb ihre Temperatur wiederum absinkt. Das
kann zur Folge haben, dass die Schneefallgrenze mit der Zeit deutlich
weiter abfällt - und mit ihr auch die Nullgradgrenze. Besonders bei
kräftigeren Niederschlägen (oder Schauern) wird ein hohes Maß an
Schmelzwärme benötigt, um die zahlreichen Flocken zum Abtauen zu
bringen. Da so viel Schmelzwärme nicht immer vorhanden ist, sinkt die
Umgebungstemperatur auf Werte um oder unter den Gefrierpunkt und es
schneit bis in tiefere Lagen. Häufig bildet sich dabei eine isotherme
Schichtung, also eine Schichtung mit annähernd gleichbleibender
Temperatur im Höhenverlauf, aus, womit man bei diesem Ereignis vom
Isothermieschneefall spricht. Wichtig dafür ist jedoch, dass kein
oder nur wenig Wind weht, der eine Durchmischung der Luftschichten
verhindert.
Auch die Luftfeuchtigkeit hat einen großen Einfluss auf die
Schneefallgrenze: Hier ist ebenfalls der Wärmeentzug von Bedeutung,
denn ist die Luftschicht, in die der Schnee fällt sehr trocken, so
verdunstet ein Teil davon und entzieht der Umgebungsluft beim
sogenannten Sublimationsprozess ebenfalls Energie in Form von Wärme,
was ein Absinken der Temperatur und nachfolgend auch der
Schneefallgrenze zur Folge hat.
Wie man die Schneefallgrenze in der Praxis nun bestimmen kann, sollen
prognostizierte Radiosondenaufstiege in einfacher Weise
verdeutlichen. Zu sehen ist auf der Grafik 1 der Temperatur- und
Feuchteverlauf mit der Höhe (schwarze Linien) in der Nähe von Bremen,
bei Grafik 2 für die Nähe von Dresden.
Farblich hervorgehoben sind die sogenannten Schmelzflächen. Das
heißt, die Fläche zwischen der 0-Grad-Linie (blaue Linie) und dem
Temperaturverlauf gibt wie bei einem Integral die Summe der Wärme an,
die dem schmelzenden Schnee zur Verfügung steht. Ist diese Fläche
blau eingefärbt, wie in Grafik 1, so reicht die Schmelzwärme (noch)
nicht vollständig aus, um den Schnee komplett abzuschmelzen und
folglich wird "SFC" für surface = Boden für die Schneefallgrenze
ausgegeben. Im zweiten Beispiel dagegen ist die Fläche grün, was
nichts anderes bedeutet, als dass genug Schmelzwärme bereitsteht und
die Schneefallgrenze damit laut Berechnung bei rund 550m liegen wird.
Nichtsdestotrotz stellt die Bestimmung der Schneefallgrenze im
Realfall immer eine der schwierigsten Prognoseleistungen dar, wie die
genannten Einflüsse und auch die Erfahrung der letzten Woche(n)
verdeutlichen. Sie kann auch noch mittels anderer Algorithmen
bestimmt werden, die in einem gesonderten Thema des Tages einmal
vorgestellt werden sollen.
Für die kommenden Tage wird die Schneefallgrenze wieder von Bedeutung
werden, da sie mit einem neuerlichen Kaltlufteinbruch teilweise bis
in tiefe Lagen absinken wird. Damit steht zumindest regional neuer
Schnee auf dem Fahrplan.
M.Sc.-Met. Oliver Reuter
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 11.02.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst
M.Sc.-Met. Oliver Reuter
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 11.02.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst
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Wetter aktuell
Tauwetter und Hochwasser?
Ab der Nacht zum Mittwoch setzt in einigen Regionen starkes Tauwetter
ein. Welche meteorologischen und hydrologischen Faktoren bestimmen
dabei, wie viel Schmelzwasser tatsächlich in die Flüsse gelangt?
Die zweite Februarwoche startete weitgehend mit ruhigem und nach
Südwesten hin auch mit mildem Winterwetter. Verantwortlich dafür war
HOCH EMMERAM, welches am gestrigen Montag mit seinem Schwerpunkt über
dem Baltikum lag. EMMERAN hat sich nun aber unter allmählicher
Abschwächung zum Schwarzen Meer verlagert. Gleichzeitig erfasste uns
bereits am Morgen die Okklusionsfront eines Tiefs bei den Britischen
Inseln. Damit kamen bereit in der Früh im Südwesten die ersten
Regenfälle auf. Größere Niederschlagsmengen kommen dadurch aber
zunächst einmal nicht zustande.
Dies ändert sich jedoch in der kommenden Nacht: Dann greift bereits
das teilokkludierte Frontensystem eines neuen Tiefs mit Kern
nordwestlich von Irland auf den Südwesten des Landes über. Dabei
setzen im Schwarzwald gegen Mitternacht, verstärkt durch einen
herannahenden markanten Randtrog, kräftige Regenfälle ein. Aufgrund
der sehr milden Luftmasse setzt im Hochschwarzwald Tauwetter ein.
Dort liegen oberhalb von etwa 900 Metern 10 bis 30 Zentimeter Schnee,
auf den Gipfeln, wie beispielsweise auf dem Feldberg rund 50
Zentimeter. Die tieferen Lagen sind allerdings überwiegend
schneefrei, was die mögliche Hochwassersituation etwas entspannt.
Die Niederschläge halten am Mittwoch insbesondere im Schwarzwald
tagsüber an. Am Abend ist voraussichtlich mit einer kurzen
Unterbrechung zu rechnen, bevor in der zweiten Nachthälfte erneut
kräftige Regenfälle einsetzen. Mit diesem zweiten Niederschlagsschub
werden voraussichtlich die Staulagen des Nordschwarzwaldes die
größten Niederschlagssummen erhalten. Dort wird bis zu diesem
Zeitpunkt jedoch selbst in den Hochlagen kein Schnee mehr liegen.
weshalb sich dort insgesamt nicht ganz so hohe Abflussmengen ergeben.
Die Niederschläge halten auch am Donnerstag weiter an. Erst in der
Nacht auf Freitag schwächen sie sich ab und gehen allmählich wieder
in Schnee über. Insgesamt werden im Schwarzwald bis Freitagnacht
verbreitet 40 bis 80 Liter pro Quadratmeter erwartet. In einigen
exponierten Staulagen sind sogar Mengen von über 100 l/qm möglich.
Welche Faktoren spielen neben der Niederschlagsmenge und der
Schneehöhe eine Rolle bei der Einschätzung des Hochwasserpotenzials?
Ein wichtiger Punkt ist der Wassergehalt der Schneedecke. Frisch
gefallener Neuschnee besitzt einen Wassergehalt von lediglich 0,5 bis
1,5 Millimetern pro Zentimeter, feuchter Altschnee hingegen von 3,0
bis 5,0 Millimetern pro Zentimeter. Dies spielt insbesondere bei
einer verbreiteten, dicken Schneedecke eine große Rolle. Zudem ist
entscheidend, ob die Schneedecke vollständig wegtaut oder nur
teilweise, da sie Regenwasser bis zu einer bestimmten Menge aufnehmen
kann. Taut die Schneedecke jedoch vollständig ab und ist der Boden
zusätzlich aufgrund einer vorangegangenen kalten Witterungsperiode
bis in tiefere Schichten gefroren, gelangt das gespeicherte Wasser
direkt in die Flüsse und kann zu Hochwasser führen.
Außerdem sind bei einem Tauwetterereignis auch die Feuchttemperatur
und der Wind von Bedeutung. Setzt Tauwetter bei einer sehr milden und
feuchten Luftmasse mit kräftigem Wind ein, taut die Schneedecke
deutlich schneller ab. Dies führt zu einem erhöhten Wasserangebot
innerhalb kurzer Zeit. Entscheidend, insbesondere für Hochwasser an
kleineren Flüssen, ist zudem, ob der Dauerregen von Unterbrechungen
begleitet wird oder ob es über einen längeren Zeitraum ohne
Unterbrechung kräftig regnet.
Darüber hinaus spielen auch nicht-meteorologische Faktoren eine
wichtige Rolle. Dazu zählen zum einen die Topographie der Region, zum
anderen aber auch der Versiegelungsgrad sowie die Art der Vegetation
im Einzugsgebiet eines Flusses.
Analysieren wir diese Faktoren nun für das bevorstehende Ereignis:
Schnee ist insgesamt nur in geringem Umfang vorhanden und beschränkt
sich auf die Hochlagen des Hochschwarzwaldes. Dabei handelt es sich
überwiegend um feuchten Altschnee, der in diesem relativ kleinen
Gebiet voraussichtlich vollständig abschmelzen wird. Weitere
Faktoren, die für Hochwasser sprechen, sind die hohen
Feuchttemperaturen sowie der stürmische Südwestwind. Allerdings wird
es im Zeitraum von etwa 48 Stunden nicht durchgehend zu Niederschlag
kommen; am Mittwochabend ist eine Niederschlagspause zu erwarten.
Hinzu kommt, dass die Böden nicht gefroren sind und aufgrund einer
zuvor eher trockenen Witterungsphase aufnahmefähig bleiben.
Letztlich spielt auch die Topographie eine Rolle: Durch die teils
bergige Landschaft ist die Region grundsätzlich anfällig für schnell
ansteigende Flusspegel. Allerdings ist die Bebauung und Versiegelung
im Schwarzwald vergleichsweise gering, was einer hohen Gefährdung
entgegen wirkt.
Insgesamt lässt sich daraus schließen, dass in den kommenden Tagen im
Schwarzwald deutlich steigende Flusspegel zu erwarten sind. Örtlich
kann es zu Überflutungen kommen, und an kleineren Flüssen im
Südschwarzwald ist auch Hochwasser möglich. Eine größere,
überregionale Hochwasserlage wird jedoch nach heutigem Stand nicht
erwartet!
M.Sc. Met. Nico Bauer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 10.02.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst
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